das Heimathaus, Graphik von Albert Reinker Albert Reinker *24.06.1926 +03.02.2014

Bürgerschützen- und
Heimatverein
Everswinkel

Dr. Johannes Hasenkamp

Der Wand verpflichtet

Zum künstlerischen Schaffen von Albert Reinker

Wird einer 70 Jahre, so ist es nur natürlich, dass er die Lebensernte zusammenzufassen versucht – mag er auch noch mitten in der Arbeit stecken! Bei Albert Reinker, der fast verborgen in der Musenstiege in Everswinkel lebt, ist das nicht einfach. Das hat gute Gründe. In seinem Geburts- und Heimatort Everswinkel ist er zwar auch mit künstlerischen Arbeiten vertreten, doch die weitaus meisten befinden sich erstaunlicherweise außerhalb des Münsterlandes und Westfalens, von Wangerooge bis zum Schwarzwald.

Kann ein Maler und ein Graphiker sowie bis zu einem gewissen Grade auch ein Bildhauer einen großen Teil seiner Werke in einer Ausstellung vereinen, sie bei ihren Besitzern „entleihen“, so ist dies bei einem Künstler wie Albert Reinker nur sehr bedingt möglich. Sein Thema und sein Hauptarbeitsgebiet nämlich ist die Wand, die geschlossene wie die „diaphane“, durchscheinende Wand, das Fenster. Wand und Fenster sind ortsfest und verbunden mit der Architektur. Entwurfszeichnungen, Kartons zu den Fenstern und Photographien – kein Wunder, dass Reinker auch ein guter Photograph ist – können nur eine Vorstellung von den Arbeiten vermitteln, doch ihre Wirkung im Raum nicht erfassen. Vollends unmöglich ist es, die volle Farbigkeit der Glasfenster und ihre vom wechselnden Licht hervorgerufene Lebendigkeit im Bild wiederzugeben. Der Katalog soll zudem einen Überblick über das gesamte Schaffen enthalten. Er reicht zurück bis ins Jahr 1968. Da muss es bei Ausschnitten und aussagekräftigen Bildern bleiben.

Angesichts dieser Einschränkungen mag es für den Künstler – allen ähnlich Reinker Arbeitenden geht es ebenso – ein wenig tröstlich sein, dass ihre Bilder nicht in der Abgeschlossenheit von Privatwohnungen oder gar in den Magazinen von Museen verschwinden, sondern in der Öffentlichkeit von vielen Menschen ständig gesehen, sicher manchmal auch schon kaum mehr wahrgenommen werden. Doch würden sie plötzlich fehlen, wäre da ein Loch, eine Lücke, fehlte etwas Vertrautes, vor allem etwas für diese Wand und diesen Raum Geschaffenes, das diese Wände auszeichnet, sie aus ihrem Dasein als bloße nackte Wand heraushebt, einem ganzen Raum etwas Besonderes, Charakteristisches, ein für allemal fest mit ihm Verbundes gibt. Bei einem künstlerisch gestalteten Raum geht es um Sinngebung, um Erhöhung, ja um so etwas wie Weihe, um die Verwandlung des Raumes in etwas Persönliches, Einmaliges, um das Verleihen von Würde.

Fenster sind notwendig und praktisch, ohne sie würde es uns an der lebensnotwendigen Luft fehlen. Fenster können jedoch auch Öffnungen zum Überirdischen, Ferngläser des Transzendenten sein. Geistiges allerdings kann man nur bedingt bebildern. Doch schon wenn gegenständliche Bilder künstlerisch gestaltet werden, weisen sie über die bloße Abbildung hinaus, sei es nun eine historische Szene, ein Heiliger oder eine biblische Gruppe. Im kirchlichen Bereich verweist ein solches Bild letztlich auf den Glauben, auf etwas, dass allenfalls durch Symbole darstellbar ist, die jedoch eben nur Zeichen für nicht Darstellbares sind. Das Mittelalter stellt seine Heiligen und biblischen Szenen vor den Goldgrund des Göttlichen, heute muss der Künstler andere Wege finden.

Man kann nicht mit Bezügen auf das Jenseits umgehen, ohne zu glauben, dass da etwas ist, das über Katechismusweisheit hinausgeht. Dies bildlich nicht Fassbare, diese große Sinngebung hinter dem Sichtbaren kann einer annehmen und bejahen, ohne sich kirchlichen Regeln verpflichtet zu fühlen. Bei Albert Reinker ist es offensichtlich, dass er ein Glaubender ist, und dass bei ihm dass Wissen um Gott kein unlebendiges, sachliches Wissen ist, sondern vom Heiligen Geist erfüllt. Solches Bewusstsein befähigt dazu, dem sichtbaren Bild das unsichtbare Ja des Schöpfers zum Geschaffenen einzuprägen.

Wo also nur vier Wände sind, können Künstlerhände durch Wandgemälde, Mosaiken und farbige oder auch nur strukturierte Fenster den Raum geradezu verwandeln, ihm einen anderen, neuen und höheren Wert geben. Wo Architektur, Wand- und Fenstergestaltung sich vereinen, können „Gesamtkunstwerke“ entstehen, die – oft in Verbindung mit der besonderen Akustik des Raumes – beglücken können, ja geradezu eine besondere Haltung beim Eintreten auslösen.

Manches wäre dazu noch anzumerken, doch sollen diese Ausführungen nur auf das hinweisen, womit es ein Künstler wie Albert Reinker zu tun hat: Mit Wänden, die nicht nur vor Kälte und Hitze schützen und bei Bedarf frische Luft hereinlassen, sondern die uns bergen und zugleich eine Botschaft aussprechen wollen, die zum Betrachter sprechen sollen, sei es in der Art der „biblia pauperum“, die direkt etwas erzählt, sei es, dass sie nur mehr gefühlsmäßig eine Ahnung von der hinter den sichtbaren Dingen liegenden Wirklichkeit vermitteln. Sie heben den Menschen aus dem niederen Alltag der nützlich gekälkten oder tapezierten Wände in eine höhere, anspruchsvollere Befindlichkeit.

Albert Reinker ist als Wandgestalter zudem in einer besonderen Lage. Er ist kein autonomer Künstler, der frei bestimmen kann, was er macht. Seine Kunst ist weithin Dienst; Dienen jedoch setzt Demut voraus und gesundes Wertbewusstsein. Die Auseinandersetzung mit einem vorgegebenen Thema, mit einem Auftraggeber, der unter Umständen recht schwierig ist und sehr eigene Vorstellungen hat, sowie mit dem gegebenen Raum samt seinen bereits vorhandenen Einrichtungen ist eine künstlerische und menschliche Aufgabe, die Charakter verlangt und bildet. Auch ist der Betrachter in die Überlegungen einzubeziehen. Darüber kann ein Künstler sich zwar stolz erheben; es ist jedoch sinnvoll und eine schwierige Aufgabe, den Dialog mit dem Betrachter anzustreben, ihn anzusprechen und seine Aufmerksamkeit zu wecken.

Noch schwieriger wird die Aufgabe für den Künstler, der für die Kirche schafft. Das bedeutet Verkündigung, die Erkennbarkeit vorausgesetzt. Das verlangt Kenntnis der heiligen Schrift und theologischer Aussagen. Diese sollen fassbar vermittelt werden. Zugleich soll der Betrachter künstlerisch angesprochen werden. Im kirchlichen Bereich steht jedoch nicht das künstlerische Ereignis, sondern die Aussage an erster Stelle. Hinzu kommt, dass im kirchlichen Raum Abstraktes – wie zum Beispiel der Kreuzweg in der Heilig-Geist-Kirche in Emmerich – wenig gefragt ist. Die Gefahr des Unverbindlichen ist zweifellos groß.

Dennoch geht Albert Reinker oft ins Abstrakte über, doch er vermag solchen Bildern Bewegtheit und Rhythmus zu geben, die Kraft ausströmen und den Betrachter fesseln, da sie nicht im gefällig Ornamentalen bleiben. Wechsel macht lebendig! Das gilt sowohl für die Fenster im – profanen – Rathaussaal in Everswinkel wie für die Chorraumfenster für St. Nikolaus in Warburg-Germeke. Ähnliche Strukturen erscheinen auch in – privaten – Feder- und Tuschezeichnungen. Im Kirchenschifffenster von St. Theresia in Eschede bei Celle wird Gegenständliches – der Stier des Evangelisten Lukas – aufgelöst und eingebunden in eine rhythmisch gegliederte Fläche, aus der eine Vielzahl von Augen schaut. Der Betrachter fühlt sich „ins Auge gefasst“.

Bei großen Flächen muss die Übertragung des Entwurfs auf Anhieb gelingen. Da muss der Künstler wohl einen Blick für und Überblick über womöglich riesige Wände besitzen, muss solche Flächen gewissermaßen körperlich erlebt haben. Albert Reinker kam hier wohl die Praxis und die Ausbildung im Malerhandwerk zugute. Ihn hat es gereizt, große Flächen nicht nur unter Farbe zu setzen, sondern ihnen mehr Leben zu geben, sie zu gestalten. Er wollt ihnen das nüchtern Nichtssagende und Abweisende nehmen und sie zum Freund des Menschen machen, wollte sie durchstoßen und neue, in die Ferne weisende Räume schaffen.

In dem bedächtig-freundlichen Albert Reinker ereignen sich keine Revolutionen oder Explosionen, wohl ist da eine stille bewegende Kraft, die meist von der Mitte ausgeht. Eine kraftvolle Ruhe zeichnet seine Mosaiken, Betonwände wie das Relief an der Festhalle in Everswinkel und seine Fenster aus. Jede nervöse Hektik fehlt. Darin zeigt sich auch die Verbindung mit seiner Heimat, einem gelassenen in sich ruhenden Land. Er ist ein stiller Mann, der nicht viel Aufhebens um seine Kunst macht, sondern arbeitet, mit großer Sorgfalt entwickelt. Er ist erstaunlich wenig bekannt, was auch damit zusammenhängt, dass bei Fenstern und Mosaiken wie auch bei öffentlichen Plastiken oft kein Künstlername angegeben ist.

Glasfenster, Mosaik und Wandgestaltung mit anderen Mitteln wie zum Beispiel Beton sind die drei Hauptarbeitsgebiete Albert Reinkers. Der Katalog zeigt jedoch nicht nur solche öffentlichen Arbeiten, sondern auch private. Hier verwendet der Künstler bevorzugt Techniken, wie die sensible Aquatinta-Radierung, Tuschezeichnung, Monotypie, Aquarell, Farbstiftzeichnung und Ölbild. Neben ähnlichen Motiven wie in den öffentlichen Arbeiten stehen ganz private wie Reiseerinnerungen. Entwurfszeichnungen fehlen, wohl werden private Skizzen gezeigt, die den Reiz des frisch Empfundenen, schnell Hingeworfenen besitzen, in dem nur das Wichtigste angedeutet ist.

Erst aus den Schubladen des Ateliers allerdings lernt man den ganzen Reinker kennen und ist immer wieder erstaunt über den Formenreichtum. Es fehlt alles Provozierende, genialisch Exaltierte. Es fehlt die Kunst um der Kunst willen. Sichtbar wird die Schöpfung, sichtbar werden Freude, Hoffnung, Licht, auch Leid und Tod. Was Albert Reinker schafft, hat einen außerhalb des Bildes liegenden Bezug, keine platte Nützlichkeit, doch einen Sinn. Auf das Ganze gesehen herrscht der Bezug auf das Mysterium vor, das hinter allen erkennbaren Wänden liegt.

Dr. Johannes Hasenkamp, Münster-Wolbeck
Geleitwort zum Katalog der Ausstellung im
Rathaus in Everswinkel, September 1996

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