das Heimathaus, Graphik von Albert Reinker Albert Reinker *24.06.1926 +03.02.2014

Bürgerschützen- und
Heimatverein
Everswinkel

Dr. Adolf Smitmans

Die Kunst Albert Reinkers

Die Kunst Albert Reinkers ist zum größten Teil Auftragskunst und innerhalb dessen wiederum zum größeren Teil für den kirchlichen Raum bestimmt. Damit arbeitet er in dem in künstlerischer Hinsicht vielleicht schwierigsten Bereich, in dem ein Künstler heute arbeiten kann. Denn Arbeiten für diesen Bereich sind gleich mehrfach im Voraus festgelegt: Zum einen haben sich einzufügen in Räume oder Wände, auf deren Gestalt der Künstler in der Regel keinen Einfluss hatte und deren Form auch noch von einem zum anderen Auftrag innerhalb des kunstgeschichtlichen Stilrepertoires wechseln kann. Zum anderen hängen sie von der Aufnahmebereitschaft des Auftraggebers ab, zum Beispiel vom Milieu kirchlicher Gemeinden, deren künstlerische Erfahrung eng begrenzt sein kann. Zum Dritten ist solche Kunst prinzipiell dienend, das heißt: Im Zentrum der kirchlichen Gemeinde steht nicht das künstlerische Ereignis, sondern die Eucharistie. Man kann fragen, ob in einer solchen Position die von der Kunst der Moderne geforderte autonome Intensität überhaupt möglich ist.

Albert Reinker nimmt diese Bedingungen seiner Arbeit zunächst einmal an. Das hat sicher auch damit zu tun, dass er vom Handwerk herkommt, in dem das Verhältnis zum Auftraggeber von jeher ein anderes ist als in den „freien Künsten“. Er hat auch nicht versucht, neben die aufgetragenen Arbeiten, erst recht nicht vor sie, ein gleich umfangreiches freies Werk zu stellen, obgleich es schöne freie Arbeiten von ihm gibt. Sie sind aber eher Nebenklänge, wohl auch Vor- und Nachübungen, in denen das Formenrepertoire der Fenster und Mosaiken spielt oder kontrastiert wird.

Beides, der Charakter seiner Arbeiten als Auftragsarbeit und die eher private Rolle seiner freien Arbeiten, erklärt aber nur zum Teil, warum sein Werk in der heimischen Kunstszene relativ unbekannt ist. Albert Reinker ist im Hinblick auf seine Arbeit ein sehr stiller Mann, wirklich kein Propagandist. So ist man überrascht, beim Durchblättern der Entwürfe und Fotos zu sehen, dass seine Fenster und Wandgestaltungen nicht nur in Everswinkel, Beckum und Münster zu finden sind, sondern auch auf Wangerooge, in Wolfsburg und Göttingen, in Gladbeck, Bochum, in Elzach und Bad Rippoldsau. Es ist dieser lautlose Erfolg aber nicht die einzige Überraschung. Viel wichtiger ist der Reichtum an Formen, der sich da auftut.

Diese Formen können konstruktiv sein, sind es vor allem, wo Beton im Spiel ist. Öfter bewegt nicht nur in der Farbe, sondern auch in der Groß- und Kleinteiligkeit der Gläser und Steine, so dass sich Verdichtungen bilden zwischen freierem Licht, oder ein Rhythmus zwischen Stocken, Fließen, Sammeln über die Fläche hin. Wenn sich innerhalb dieser abstrakten Formenwelt Assoziationen einstellen, so kommen sie aus dem Bereich der Elemente, Feuer und Luft vor allem, aber auch Wasser. Es sind das Bildelemente, die nicht allein bildnerische Tradition, sondern schon die alten Sprachen zum Ausdruck des Spirituellen nutzen und zu dem Versuch, geistige Bewegung zu beschreiben. Darin zeigt sich, dass Reinkers abstrakte Formen nicht künstlerisches l’art pour l’art sind. Sie sind der Versuch, ein geistliches Ereignis ansichtig zu machen. Das ist missverständlich: Sie illustrieren nicht; sie sind vielmehr in ihrer Form von diesem geistlichen Ereignis motiviert. Es ist eine alte Diskussion, ob der Künstler der Kirche gläubig sein müsse. Ich will darauf hier nicht eingehen. (Ich denke, im Sinne eines vollständigen Glaubens der Lehrinhalte muss er es nicht sein.) Es ist mir aber ein wichtiges Zeichen für die Qualität der Arbeiten Albert Reinkers, dass ich den Sinn dieser Fragestellung, die ich vergessen hatte, vor seinen Kartons auf einmal neu begriff: Die Bewegtheit seiner Fenster, ihr Ereignischarakter setzt jedenfalls den Glauben voraus, dass da etwas ist, was in Bewegung bringt und was als Ereignis Anstoß einer Bewegung, Mitte eines Wirbels oder zusammenführende Kraft sein kann. Es ist wohl der Grund seiner Kunst, dass er an diese bewegende und sammelnde Kraft glaubt, und sie ins Bild zu bringen vermag. Dieses Ins-Bild-Bringen geschieht überaus sorgfältig. Das scheint mir die zweite, mehr technisch-formale Qualität der Arbeiten Reinkers zu sein: Wie die einzelne Form sich in den je größeren Zusammenhang fügt, ohne die eigene Spannung zu verlieren, und wie umgekehrt die Großform eines Fensters, einer Wand, eines Bildes, die Kleinform nicht vernichtet. Die in diesem Heft abgebildeten Zeichnungen bestätigen diese besondere Qualität. Es ist diese Fähigkeit, die den Ereignischarakter der Bilder Reinkers erst ermöglicht. Mit ihrer Hilfe vermag er spannungsreiche Großformen zu schaffen, die vom Ornament durchaus zu unterscheiden und abzugrenzen sind. Und er selbst grenzt sich damit ab von Fensterformen, denen man in den letzten Jahrzehnten nicht selten begegnet ist, in denen abstrakte Strukturen rhythmisch, aber eigentlich endlos abgewickelt werden, so dass der jeweilige Ausschnitt beliebig wird. Solche Fenster sind tatsächlich „Tapeten“, wie Max Beckmann bestimmte Tendenzen der Moderne zu charakterisieren versucht hat. Sie bezeichnen und besagen nichts. Albert Reinkers Fenster bezeichnen – wie ich meine, gerade in ihrer abstrakten Form – das was geschieht. Und sie begleiten es mit Farben, Linien und Licht als den ausdrucksvollen und wandlungsfähigen Buchstaben einer kosmischen Symbolik. Sie begleiten die hochzeitliche Einigung Gottes mit der Schöpfung, die die Eucharistiefeier ja auch bedeutet, und halten in Farben, Linien, leuchtendem Glas gleichsam ein Stück der so erlösten Welt strahlend dem Nichts entgegen, gegen das dieses Welt zuletzt eben durch jenes eucharistische Geschehen gefeit ist.

Ich habe damit schon angedeutet, dass mir im Unterschied dazu manche figürliche Szene merkwürdigerweise eher ornamental vorkommt. Das hängt wohl damit zusammen, dass in der kirchlichen Fensterwelt etwa seit 1930 eine expressionistische Überformung eigentlich mittelalterlicher Figurenstellungen nahezu kanonisch geworden ist, die dem Künstler nur sehr wenig Beweglichkeit lässt. Es gibt freilich Ausnahmen. Keineswegs in der Meinung, dies sei die einzige, möchte ich die schöne Scheibe „Huldigung“ in diesem Katalog nennen. Ihre besondere Qualität liegt darin, dass ein traditionelles Figuren-Repertoire mit der Bewegung abstrakter Scheiben und Farben eine Einheit eingeht und dadurch eine Zentrierung ermöglicht, in der das inhaltliche „Thema“ mit dem formalen zusammenfällt. Adolf Hölzels Anbetungen fallen einem ein. Aber es kennzeichnet wiederum Reinker, dass er eine solche „Huldigung“ nicht reihen würde, sondern in der Einmaligkeit den heilsgeschichtlichen Bezug wahrt.

Die einleitenden Gedanken sahen die Kunst Albert Reinkers in einer beinahe aussichtslosen Position. So ist abschließend wohl darauf hinzuweisen, dass jede der dort gemachten – gültigen – Feststellungen auch eine Kehrseite hat: Die Auftragsarbeit teilt ein fundamentales Problem moderner Kunst, ihre gesellschaftliche Isolierung, zwar auch. Aber sie befindet sich doch von vornherein in einer Rolle, auf Grund derer jene Isolierung zugleich in Frage gestellt wird. Der dialogische Charakter eines Kunstwerks auf die Aufnahmefähigkeit einer Gemeinde oder eines anderen Milieus hin kann zu einer die Kunst vernichtenden Anpassung führen. Aber er kann, wenn die künstlerische Form als eine notwendige auch diesen Dialog einbegreift, auch im Gegenteil eine zusätzliche künstlerische Qualität sein. Das autonome Kunstwerk ist nicht autonom gegenüber dem Künstler und damit auch nicht gegenüber jenen Zusammenhängen (oder Zusammenhanglosigkeiten) des Seins, die dieser erfährt oder glaubt. Es hat die Reichweite seiner Erfahrungen und seines Glaubens – über das Rechen- und Sagbare hinaus.

Dr. Dr. Adolf Smitmans
damaliger Leiter des Museums Abtei Liesborn
im Vorwort zum Katalog der Ausstellung im Museum Abtei Liesborn, 1986

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